Erstellt am Sonntag, 05 Dezember 2004

Nachdreher der "Rhein-Neckar-Zeitung"

Nachdreher der "Rhein-Neckar-Zeitung"
Passend zu Nikolaus verteilt der Bundesliga-Absteiger Geschenke - Bayer Dormagen spielt beim 28:27 mit mehr Herz


Von Joachim Klaehn



Dormagen. Anfang Dezember ist gewöhnlich die Zeit der kleinen Geschenke. Das scheint auch Passend zu Nikolaus verteilt der Bundesliga-Absteiger Geschenke - Bayer Dormagen spielt beim 28:27 mit mehr Herz

Von Joachim Klaehn

Dormagen. Anfang Dezember ist gewöhnlich die Zeit der kleinen Geschenke. Das scheint auch für den hoch ambitionierten Handball-Zweitligisten SG Kronau/Östringen zu gelten, der am späten Freitagabend im rheinländischen Dormagen dazu neigte, sich in latenter Geberlaune zu präsentieren. Am Ende der knapp 300 Kilometer weiten Dienstreise stand ein hauchdünnes 28:27 (13:13) für den westdeutschen Ausbildungsverein Bayer Dormagen zu Buche. Und man blickte bei den "Kröstis" bestimmt nicht in frohe und muntere Gesichter.

Im Gegenteil: Kaum war der Abpfiff vor 1.670 Fans erfolgt, da knallte die Kabinentür bei den Nordbadenern und Trainer FrÈdÈric Volle ließ ein Donnerwetter los, das keinem, der sich im Bauch des schmucken Bayer-Sportcenters bewegte, entgangen sein dürfte. Derweil schoss SG-Geschäftsführer Uli Schuppler durch den Gang. Sagen wir mal, spürbar erregt - zum "Runterkommen" die Flucht nach draußen suchend. Eine halbe Stunde später war auch Volle in der kühlen Abendluft aufzufinden. Die allergrößte Aufregung hatte sich gelegt. Was sicherlich auch an seinem Gegenüber lag. Volle hatte einen alten Weggefährten des französischen Nationalteams getroffen: Pascal MahÈ, der hauptamtliche Jugendkoordinator und Stützpunkt-Trainer des Werksklubs. Das Duo wurde 1995 gemeinsam Weltmeister, der damalige Kapitän und Abwehrchef der Equipe Tricolore hieß MahÈ.

Dessen Kumpel FrÈdÈric analysierte die bittere Niederlage seiner "Kröstis". Man habe schlicht und einfach zu viele Bälle verloren, immer mal wieder viel zu früh abgeschlossen und Bayer durch eigenes Missgeschick aufgebaut. Volle: "Wir hatten keine Spieldisziplin - und man braucht eine Stunde Disziplin. Voilâ." Zumal gegen einen derartig motivierten Kontrahenten wie Dormagen. Das 27:28 war nun mal an keiner Schlüsselszene fest zu machen. Es sei, so Monsieur "1.000 Volle", vielmehr das Phänomen der "vielen kleinen Irrtümer" gewesen. Der "Krösti"-Trainer als Hobby-Mathematiker: "Und viele kleine Geschenke ergeben am Ende ein großes Geschenk." Da konnte sich Pascal MahÈ eine frotzelnde Bemerkung nicht verkneifen: "Bist Du der Nikolaus?" Volle konnte und musste wieder schmunzeln...

Die Gründe fürs zweite knappe Scheitern waren einerseits die mitunter mangelhafte Feinabstimmung im Defensiv-Verband, die Fehlpässe sowie die verworfenen Siebener von Blank, Jurasik und Sanikis, andererseits lag es aber auch an der unterschiedlichen Herangehensweise in Sachen Einstellung.

Bayer wollte sich vier Tage nach einer glanzvollen Pokal-Vorstellung gegen den Erstligisten HSG Nordhorn (26:27) nicht zum zweiten Mal hintereinander ein Handball-Fest "verderben" lassen - also legten die Sportsfreunde alles gegen die "Kröstis" rein. Trainer Kai Wandschneider, seit dem schmerzhaften Rückzug 2001 aus dem Oberhaus die Geschicke leitend, sprach von einem "Triumph des Willens". Ein glückseliger Wandschneider: "Es war eine phantastische Mannschaftsleistung. Gegen Nordhorn sind wir schon bis zum Anschlag gegangen - und dass wir innerhalb von vier Tagen erneut so eine Leistung abrufen, erfüllt mich natürlich mit ganz besonderem Stolz." In die gleiche Kerbe hatte kurz zuvor auch FrÈdÈric Volle gehauen: "Ich denke, wir sind besser als Bayer. Aber die haben mit mehr Herz gespielt. Sie haben alles gegeben."

Dies war der kleine, aber sehr feine Unterschied im hellblauen Schmuckkästchen am Höhenberg. Während sich die "Kröstis" vorwiegend auf ihre individuellen Qualitäten verließen, funktionierte Dormagens Sieben als Team besser und hatte in der dramatischen Schlussphase auch so etwas wie das Glück des Tüchtigen. Denn das Schiri-Gespann, das zunächst kleinlich-streng gegen die Hausherren vorzugehen pflegte, traf zum Ausklang so manch zweifelhafte Entscheidung, so dass die "Kröstis" zwei Mal eine 4-6-Unterzahl zu bewältigen hatten. Die Bemerkung von Kapitän Holger Löhr, der erstmals nach seiner Verletzungspause auf der Bank Platz nahm, traf den Nagel auf den Kopf: "Wir haben den Faden verloren - und das Spiel lief dann wie ein Film ab." Ohne Happy End freilich.

Gerade gegen Ende vermisste man eine Integrationsfigur wie "Spiky" Löhr oder eine Kämpfernatur wie AndrÈ Bechtold. Letzteren hatte Volle nicht aufgestellt, er habe immer noch "Probleme mit dem Selbstvertrauen". Es kam in der Handball-Stadt mit 60.000 Einwohnern und auf dem Firmengelände (mit 6.000 Beschäftigten das zweitgrößte Bayer-Werk nach Leverkusen) wie es kommen musste: Die "Kröstis" ließen sich aufs Kreuz legen. "Klar", sagte Wandschneider, ein ehemaliger Journalist des Kölner Stadtanzeiger, "wir wollen Mannschaften wie Melsungen oder Kronau/Östringen richtig ärgern, damit die Liga nicht langweilig wird." Am kommenden Freitag (20 Uhr, Rhein-Neckar-Halle) stehen sich die beiden Topfavoriten des Südens in Eppelheim gegenüber.

Volle nach Dormagen und vor dem Gipfeltreffen mit Melsungen: "Wenn wir Erster werden wollen, müssen wir gewinnen." Und noch zwei Teilaspekte: Wenn die "Kröstis" direkt in die Bundesliga zurückkehren möchten, dann sollten sie schnellstmöglich die "kleinen Irrtümer" zu minimieren versuchen. Erst recht gegen die Hauptkonkurrenten. "Bayer hält den Aufstieg spannend", titelte die Neuss-Grevenbroicher Zeitung am Samstag. Dormagen mit seinem vergleichsweise bescheidenen Etat (500.000 Euro) ist höchst gefährlich - zumindest was Rang zwei anbetrifft. Kai Wandschneider lächelnd: "Wir sind wie ein kleines gallisches Dorf." Gegen solche Protagonisten mit "Zauberkräften" ist eine Geschenke-Mentalität kein allzu guter Berater für die zum Aufstieg verdammten "Kröstis"...

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Autor: TsvBayerDormagen